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Wenn Wissen zur Weisheit wird

Weihbischof Florian Wörner über seine Schulzeit in Ettal

Es ist kaum zu glauben, dass der Abschluss meiner Schulzeit mit dem Abitur am Benediktiner-Gymnasium Ettal schon über ein viertel Jahrhundert zurück liegt. Nichtsdestotrotz ist mir dieser Lebensabschnitt noch sehr präsent, was wohl daran liegt, dass ich mich gerne an ihn zurück erinnere. So habe ich mit Freude zugesagt, von meinen Eindrücken und Erfahrungen an der Klosterschule zu erzählen.

Ich war von 1981 bis 1990 als Externer in Ettal. Nach einer ersten Phase der Eingewöhnung in die neue Schulumgebung fühlte ich mich dort bestens aufgehoben. Ich konnte mich entfalten und entwickeln, meine Begabungen entdecken und einbringen. Ich fühlte mich verstanden und ernstgenommen. Im Unterricht ging es nicht nur um das Anhäufen von Wissen, sondern mehr noch um die Fähigkeit, damit umzugehen, sich Kriterien und Maßstäbe anzueignen, die einen in die Lage versetzen, eigene reflektierte und verantwortete Standpunkte einzunehmen. Das geschah nicht zuletzt dadurch, dass wir in der Schule und im Kloster Vorbildern begegnen konnten, in deren Persönlichkeit Wissen zur Weisheit geworden ist.

Ich schätzte die durchaus familiäre Atmosphäre an der Schule. Wenn einen der Schulleiter mit Namen kennt und begrüßt, ist das schon etwas Besonderes. Überhaupt legte man Wert darauf, uns gute Umgangsformen beizubringen. Auch der äußere Rahmen ist in Ettal herausragend: Welche Schule kann schon mit einer Klosteranlage inklusive prächtigem Treppenaufgang zur Basilika und barocker Kirchenfassade als Pausenhof aufwarten?

Gerne denke ich an zahlreiche außerunterrichtliche Veranstaltungen zurück wie die jährlichen Berg- bzw. Skiwandertage (Zugspitze), Fahrten nach München zum Konzert oder ins Kabarett, Klassenfahrten nach Prag, Rom, Berlin (kurz nach dem Mauerfall) oder im Rahmen des Sozialkundeunterrichts der Mittelstufe nach Bonn, der damaligen Bundeshauptstadt.

Besondere Momente wie die Begegnung mit dem damaligen Bundespräsidenten Carstens, der auf seiner Wanderung durch Deutschland in Ettal Halt machte, mit Thomas Gottschalk, der bei „Wetten dass“ verlor und deswegen eine Lateinstunde in Ettal halten musste (es war in meiner Klasse), oder mit dem Dalai Lama sollen hier nicht unerwähnt bleiben.

Ganz selbstverständlich war die Einbettung des Schulalltags in die religiösen Vollzüge. Dass der Pater im Rahmen des Religionsunterrichts mit uns betete, war zu erwarten. Dass aber auch dem Chemie- und Biologielehrer das Gebet am Beginn der Stunde wichtig ist, kann für einen Heranwachsenden mit seinen Fragen mitunter sehr bedeutsam sein. Die gemeinsamen Schulgottesdienste, die Gestaltung der besonderen Festtage (Benediktus-Fest, Herz-Jesu-Fest etc.), die jährliche Schulbeichte oder die Gelegenheit in der Oberstufe, an den Kar- und Ostertagen im Kloster mit zu leben, hatten nachhaltige Wirkung.

Kurzum: Ettal hat mich sehr geprägt. Vielleicht wäre ich heute nicht da, wo ich bin, ohne diese wertvolle Schulzeit. So wünsche und bete ich, dass möglichst viele Kinder und Jugendliche ähnliche Erfahrungen machen dürfen.

 

Gott segne Schule, Internat und Kloster in Ettal!

+ Florian Wörner

 


DSCF04872Florian Wörner

hat nach seinem Abitur in Ettal Theologie studiert und ist seit 2012 Weihbischof in Augsburg.